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Sterbender Schwan
Ich habe gerade nochmal durch meine alten Entwürfe für diesen Blog gekramt und dabei einen Text gefunden, den ich letztes Jahr nach meiner letzten Ballettaufführung geschrieben habe. Warum ich ihn nicht veröffentlicht habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe offenbar meinen Bericht über die Probenzeit und die Aufführung gepostet, aber diesen Text hier nicht. Ich finde ihn aber immer noch schön und auch durchaus (immer noch) zutreffend, was meine Beziehung zum Ballett angeht. Deswegen veröffentliche ich ihn jetzt. --- Juni 2010 "Dieser Eintrag wird vermutlich sehr langweilig für Außenstehende, ich weiß auch nicht, ob das alles irgendwie verständlich ist, und es wimmelt hier auch vor Widersprüchen, aber ich muss mir das von der Seele schreiben. Dafür ist es mir zu wichtig. Ich hatte zum Ballett immer ein zwiegespaltenes Verhältnis. Tanzen war für mich vor allem Mittel zum Zweck, weil ich wusste, dass ich ohne Tanz nicht mal an den Beruf „Musicaldarsteller“ zu denken brauchte. Aus diesem Grund habe ich damit angefangen. Und seitdem, vor allem aber seit meinem Wechsel an die Ballett Meister Schule, war das Tanzen immer ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite der Spaß am Tanzen, auf der anderen Seite die Frustration, resultierend aus der Tatsache, dass ich kein natürliches Talent dafür habe und immer hinter den anderen herhinkte (zumindest solange ich nur 1x die Woche zum Training durfte). Auf der einen Seite meine Bewunderung für unsere Trainer, die wirklich alles für ihre Schule geben, auf der anderen Seite meine Aversion gegen die schulinterne Politik, dass zeitweise nur Solisten Korrekturen bekommen, dass schon junge Mädchen mit normalem Gewicht dazu aufgerufen werden, abzunehmen und die nicht vorhandene Organisation vor Aufführungen. Auf der einen Seite das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gemeinschaftsgefühl unter den Schülerinnen, auf der anderen Seite die Mauer, die immer zwischen mir und ihnen stand, weil ich teilweise andere Prioritäten als Ballett hatte. Auf der einen Seite der Druck, dass ich das machen muss (wegen Musical), dass ich da unbedingt reinpassen muss (am besten 15 Kilo leichter), auf der anderen Seite der gesunde Menschenverstand, der sich ab und an mal gemeldet und mich davon abgehalten hat, Dummheiten zu machen, nur um in das Bild einer Tänzerin zu passen. (wobei es hilfreich war, dass sogar mir irgendwann aufgegangen ist, dass ich vor allem eine Sängerin und keine Tänzerin bin) Auf der einen Seite das Bedürfnis, mich komplett unterzuordnen (was meinem Naturell ungefähr zu 0% entspricht), um noch mal eine anständige Korrektur zu bekommen, auf der anderen Seite meine leicht antiautoritäre, aufmüpfige Art (die zu 0% in diese Ballettschule passt), die verhindert hat, dass ich mich nur aufgrund blöder Sprüche meiner Trainerin auf ein Niedrigstgewicht runterhungere, und die darauf pochte, dass man verdammt noch mal nicht jeden Tag zum Training kommen kann, weil man a) keinen Geldscheißer zu Hause hat, man b) noch ein Leben hat und man c) vor allem nicht Primaballerina sondern Musicaldarstellerin werden möchte und dazu eben nicht nur tanzen sondern auch singen und schauspielern muss. Auf der einen Seite die Bewunderung für sauberen klassischen, auch professionellen, Tanz, auf der anderen Seite das Wissen, dass schon Tanzkolleginnen im Alter von 12-14 sehr ungesund leben, um den Idealen zu entsprechen. Auf der einen Seite der Wille, zum guten Gelingen jeder Aufführung beizutragen – und das nimmt das ganze Jahr in Anspruch, denn wenn man im Training keine gute Technik erlernt, kann man auch bei einer Aufführung nicht gut tanzen - , auf der anderen Seite das Bedürfnis, aufzustehen und zu sagen: „Wir sind kein Ableger vom Bolshoi oder Kirov, wir sind keine Ballettakademie, wir sind nur eine Provinzballettschule, und eine sehr junge noch dazu – 95% von uns werden es nicht mal in Erwägung ziehen, je professionell zu tanzen, und kein einziger Zuschauer im Apollo-Theater erwartet fertige, perfekt ausgebildete Tänzer bei einer Schulaufführung. Also, ja, fordern Sie uns, fordern Sie viel – aber behalten Sie im Hinterkopf, dass 95% Ihrer Schüler gottverdammte Hobbytänzer sind! Behandeln Sie 10-jährige wie 10-jährige. Und unterschätzen Sie nicht die Notwendigkeit von Schule und einem guten Abschluss. Tanzen ist eben nicht alles.“ Auf der einen Seite die Tatsache, dass schon so mancher unterirdisch schlechter Tag durch ein gutes Training gerettet wurde, dass ein Training sogar unsere kollektive Trauer nach dem Tod unserer Jazzlehrerin ein wenig besser gemacht hat. Das wunderbare Gefühl nach einem guten Training, das gute Gefühl, wenn man merkt, dass man plötzlich mehrere Pirouetten drehen kann, dass die Dehnung besser wird, dass man plötzlich wieder gelobt wird, dass man plötzlich für Tänze eingesetzt wird, wo man sonst nur im Corps getanzt hat, dass man nach einer Aufführung, die in den eigenen Augen die schlechteste war, die man je getanzt hat, gesagt bekommt, dass man verdammt gut war, dass man plötzlich weiß, dass man gut geworden ist, dass man keine Angst mehr haben brauch vor dem, wofür man jahrelang gekämpft hat… und dafür gibt es keine andere Seite. Das ist das, was mich 7 Jahre lang davon abgehalten hat, den ganzen Kram hinzuwerfen. Na ja, und natürlich Punkt 4, das Wissen, dass ich ohne Tanz erst gar keine Aufnahmeprüfung machen brauche. Aber wenn es überhaupt keinen Spaß gemacht hätte, hätte ich das nicht die ganze Zeit lang durchziehen können. Allerdings spricht es für sich, dass die Regelmäßigkeit, mit der ich zum Training gegangen bin, nach der erfolglosen Aufnahmeprüfung in Essen rapide abgenommen hat. An manchen Tagen konnte ich einfach nicht, ich konnte einfach nicht dahin fahren und 1 ½ Stunden trainieren, ohne korrigiert zu werden und mich über die leicht eingebildeten Solisten Und engstirnigen Trainer aufregen und frustriert sein, weil ich bestimmte Sprünge nicht hinbekomme und daran denken, dass ich es in Essen nicht mal bis zur Tanzrunde geschafft habe. Wenn ich zum Training gegangen bin, war es wider Erwarten eigentlich immer gut. Trotzdem, der Antrieb war weg. Svea hat mal gesagt: „Kannst du nicht einfach so tanzen? Für dich? Um des Tanzens Willen?“ Da liegt der Hase im Pfeffer. Ich mag Tanzen. Aber letzten Endes habe ich damit für den Traum „Musical“ angefangen, und dabei ist es auch geblieben, damit ist es verknüpft. Ich werde garantiert nicht aufhören zu tanzen. Zu Hause, für mich, oder in Workshops, werde ich auch weiterhin tanzen. Aber das ist etwas ganz anderes als klassisches Ballett. Genau wie Jazz und Modern aus allem, was ich vorher geschrieben habe, rausfallen, weil das einfach so anders ist. Für Jazz oder Modern braucht man keine masochistische Ader. Man braucht nicht das Gewicht einer Magersüchtigen. Man braucht ein anderes Feuer als für Ballett. Man drückt sich anders aus, während man tanzt. Klar, sowohl Modern als auch Jazz waren zwischendrin mal nervenaufreibend, das lag jedoch eher an meinen Mittänzern oder den Dozenten als am Tanz selber. Modern und Jazz habe ich die ganze Zeit über geliebt. Ballett habe ich vom ersten Moment gehassliebt und geliebthasst. Trotzdem. Jetzt, wo es vorbei ist, bin ich traurig. Ich habe in unserem Ballettsaal in den letzten 4 Jahren während den Aufführungsphasen oft mehr Zeit verbracht als zu Hause, habe Irina, Anna, Laura und die anderen öfter gesehen als meine Eltern. In „Center Stage“ gibt es eine Szene, in der eine Ballettdozentin einer Schülerin erklärt, dass es immer ein Nach-Hause-Kommen ist, wenn man zurück an die Ballettstange geht. Selbst ich, mit meiner Hassliebe zum Ballett, empfinde das so. Mal abgesehen davon, dass das Tanzen eine der wenigen Konstanten der letzten Jahre war. Egal, was passiert ist, egal, was für Sorgen ich hatte, egal was in der Schule oder in der Familie passiert ist – ich bin immer zum Tanzen gegangen. Ich werde es vermissen. Alles. Auch meine manchmal nervigen Kolleginnen. Den Stress. Die Schmerzen. Den russischen Akzent unserer Trainer. Das gute Gefühl nach einem guten Training. Proben in einem Glaskasten ohne Sauerstoff. Und… damit ist der Traum wohl endgültig gestorben. Und irgendwas in mir auch. Vielleicht die 13-Jährige, die sich vor 7 Jahren euphorisch in ihre erste Ballettstunde gestürzt hat." |
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chrissi (13.12.11 23:59) :'(
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